Sohren | Böhm-Zertifikat für das Pfarrer Kurt Velten Altenpflegeheim

Es ist ein Projekt mit ganz viel Vorlauf, das sie sich im Pfarrer Kurt Velten Altenpflegeheim der Seniorenhilfe der Stiftung kreuznacher diakonie vorgenommen haben: Leben und Arbeiten nach dem Böhm-Konzept. Zwei Jahre nach Beginn ist es jetzt geschafft: Die Einrichtung ist Böhm-zertifiziert und darf das offizielle Siegel tragen. Vereinfacht ausgedrückt werden die Bewohnerinnen und Bewohner der Einrichtung in die Zeit der 50-er und 60-er Jahre zurückversetzt, die Zeit also, in der die Seniorinnen und Senioren ihre prägenden Lebensjahre durchlebten. Schon beim Betreten des Hauses wird das für alle offensichtlich. Die Sitzbank in knalligem Türkis im Eingangsbereich, Foto-Tapeten in Schwarz-Weiß mit bunten Autos als Kontrast, orangefarbene Wände sowie große Bilder von Audrey Hepburn und Marilyn Monroe wecken Erinnerungen. Dabei sind auch kleinste Details berücksichtigt. An vielen Stellen finden sich nämlich Blechschilder mit der Werbung altbekannter Marken, der moderne CD-Player verbirgt sich in einem alten Plattenspieler-Schrank und in der Cafeteria steht ein zum Regal umfunktionierter Vespa-Roller. Zucker-, Salz- und Pfefferstreuer im Design der 50-er Jahre haben die Gäste früher in den Häusern und Wohnungen ihrer Eltern und Großeltern noch in Gebrauch gesehen. Diese äußerlich sichtbare Umgestaltung ist jedoch nur ein Teil des Gesamtprojektes. Das von dem Wiener Professor und Pflegeforscher Erwin Böhm erarbeitete Konzept zielt darauf ab, verhaltensauffälligen und vergesslichen Menschen zu helfen, so gut es eben geht mit ihrem Leben fertig zu werden. 

„Seit 2023 schulen wir unsere Mitarbeitenden nach dem Böhm-Konzept, 25 von ihnen arbeiten schon danach, weitere Schulungen sind geplant“, erklären Einrichtungsleiterin Nadine Mei und Pflegedienstleiterin Michelle Körner. Das bedeutet: intensive und gefühlsbetonte Erinnerungs- und Biografie-Arbeit. Soweit möglich wird dabei mit den Seniorinnen und Senioren selbst gearbeitet, aber eben auch mit ihren Angehörigen. „Was hat sich in der Prägungszeit von Null bis 25 Jahren alles ereignet? Welchen Beruf hat der Mann gelernt? Hat die Frau selbst Geld verdient? Womit haben sie sich in ihrer Freizeit beschäftigt? Gab es ganz besonders prägende Erlebnisse? Und wie sind sie damit fertig geworden?“ So lauten die Fragen, die für die Pflegenden die Tür zu den persönlichen Erinnerungen ihrer Bewohner öffnen, die Verständnis dafür wecken, was alltäglich und was besonders war. Gleichzeitig lassen sich aus diesem Wissen heraus Ideen dafür entwickeln, was dem Menschen jetzt vor Ort helfen könnte. „Eine Bewohnerin hat grundsätzlich alle Türen hinter sich und uns geschlossen. Erst als wir erfahren haben, dass in ihrer Jugend ihr Haus einmal von der Druckwelle einer Bombe getroffen wurde, war klar, weshalb sie bis heute auf die geschlossenen Türen besteht. Wir haben gelernt, sie nicht mehr am Schließen zu hindern und achten selbst auch darauf“, erzählt Nadine Mei. Ihre Kollegin berichtet von einem weiteren Beispiel: „Einer gelernten Hotelfachfrau konnte unser Küchenpersonal beim Essen nichts recht machen. Das Brot war durchweicht, die Brötchen schmeckten nicht, der Kaffee war nicht warm genug, nichts passte. Seitdem sie mit ihrem Freund an einem schön gedeckten Tisch mit besonderem Geschirr und Kerzenleuchter sitzt, sind beide wesentlich ruhiger und viel seltener ausfallend als früher.“

Nach dem Böhm´schen Grundsatz „Vor den Beinen muss die Seele bewegt werden!“ gibt es im Pfarrer Kurt Velten Altenpflegeheim daher etliche Oasen für die Pflege der Seele. Wie beispielsweise die originalgetreue Waschküche auf der ersten Etage. Alte Waschmaschinen sind hier genauso zu finden, wie der Tische mit der mit einer frisch gewaschenen weißen Decke, einem alten Waschbrett und einem Plätteisen. „Wenn ich gebraucht werde, helfe ich gerne“, erklärt eine Bewohnerin, setzt sich an diesen Tisch und fängt an, Wäsche zusammen zu legen. Diese Worte beweisen, dass das Konzept greift. Darin heißt es nämlich wörtlich: „Jeder Mensch möchte sich wichtig fühlen, wenigstens ein paar Minuten am Tag.“ Es gilt, Lebensgeister zu reaktivieren. Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch das regelmäßig angebotene Repair-Café des Hausmeisters auf reges Interesse stößt. Gemeinsam werden hier kaputte Uhren oder Bilderrahmen repariert oder Scheren und Messer geschliffen. Die Mitarbeitenden der Sozialen Betreuung haben zusammen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern ein Kochbuch mit deren Lieblingsessen erstellt, die in schöner Regelmäßigkeit miteinander vor- und zubereitet werden. An den Eingangstüren zu den Zimmern erleichtern Bilder und persönliche Gegenstände die Orientierung.

„Natürlich darf man keine Wunder erwarten. Das Vergessen lässt sich nicht aufhalten, eine Heilung ist nicht möglich“, so muss es Nadine Mei auch den Angehörigen immer wieder klarmachen. Aber psychische Auffälligkeiten aufgrund von Ängsten lassen sich deutlich reduzieren. Die Arbeit im Pfarrer Kurt Velten Altenpflegeheim hat sich spürbar verändert. „Das Böhm-Konzept hat auch etwas mit unseren Mitarbeitenden gemacht. Es gab einen großen „Aha-Effekt“, gerade bei den Altenpflegehelferinnen und -helfern.“ Bei der intensiven Beschäftigung mit einem speziellen Bewohner oder einer Bewohnerin führte die Frage, warum er sich so verhält, zur Erkenntnis, dass das offenbar gar nicht persönlich gemeint ist – der Auslöser für das laute Schimpfen liegt in der Vergangenheit. Dass die Bewohnerin sich nicht waschen lassen möchte, liegt eben nicht daran, dass sie die Pflegekraft nur ärgern möchte – es passt nur eben gerade nicht für sie.

Die Umsetzung und Einführung des Konzeptes, das von der „ENPP-Böhm Bildungs- und Forschungsgesellschaft mbH“ zertifiziert wird, ist in Sohren nur dank der finanziellen Förderungen durch die Stiftung Diakonie Hunsrück und der Theisen-Stiftung möglich. Während die Stiftung Diakonie Hunsrück die Zertifizierungskosten für das Böhm-Konzept in Höhe von 27.500 Euro trug, finanzierte die Familie Walter Theisen-Stiftung größtenteils die Gestaltungselemente – unter anderem eben beispielsweise den Einbau der Waschküche. Nadine Mei und ihr Pflege- und Betreuungs-Team sind sehr dankbar für diese Hilfe und sie alle freuen sich darauf, die Zertifizierung im kommenden Frühjahr gemeinsam zu feiern.