Spirale aus Alkohol, Drogen und Missbrauch unterbrechen

Junger Mann und junge Frau öffnen Tür

Der erste Schritt ist gemacht: ein festes Dach über dem Kopf

„Alleine auf der Straße erwartet einen ein Teufelskreis aus Gewalt, Alkoholkonsum, Missbrauch und falschen Freunden“, berichtet einer, der es wissen muss. Tobias H. (27) blickt zurück auf eine Karriere von fast zehn Jahren auf der Straße, die geprägt sind von Alkohol- und Drogenkonsum, Diebstahl, Knasterfahrung und immer wieder Neuanfängen. Ein Zelt an einem gut versteckten Ort war für lange Zeit mehr oder weniger dichtes Dach über dem Kopf für ihn und seine Partnerin Stefanie S. (21).

Wohnungslosigkeit von jungen Menschen und das damit verbundene Leben ohne feste Strukturen sind in Deutschland kein Randphänomen. „2019 und 2020 suchten bei uns jeweils 108 junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren Rat, Unterstützung und eine Wohnmöglichkeit“, berichtet Doris Häfner-Kairo, Leiterin der Wohnungslosenhilfe der Stiftung kreuznacher diakonie für den Standort Bad Kreuznach. Der Anteil der jungen Menschen bei den Hilfesuchenden im ambulanten und stationären Bereich ist mit fast 30 Prozent in Bad Kreuznach sehr hoch. Laut Jahresbericht der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG-W) lag 2018 bundesweit der Anteil der jungen Wohnungslosen bei 18 Prozent.

Tobias H. kam als Zweijähriger in eine Pflegefamilie mit mehreren Pflegegeschwistern, vermisste aber den Kontakt zu den leiblichen Eltern. Mit 14 lief er das erste Mal weg. Die Polizei griff ihn auf, das Jugendamt brachte ihn in einer Jugendhilfeeinrichtung unter. Ein Kreislauf von Abhauen und Unterbringungen in der Jugendhilfe schloss sich an. Mit 15 begann er Drogen zu nehmen, wenig später dealte er. Er fing an zu stehlen, nahm Automaten aus und geriet immer wieder in Polizeigewahrsam. Tobias bekam die Chance, zwei Jahre in Spanien in einem Camp für schwer erziehbare Jugendliche zu verbringen. In dieser Zeit schaffte er seinen Hauptschulabschluss und kam anschließend zurück nach Deutschland. Gleich geriet er wieder ins kriminelle Milieu und landete schließlich im Knast – da war er 18. Auch nach der Entlassung fand er keinen Halt – an wem auch? Es wartete niemand auf ihn: „Man hat einfach keine Hilfe“, erinnert er sich. Auch Stefanies Start in ein selbständiges Leben war steinig. Mit 16 Jahren brach sie die Schule ab, als sie ihr erstes Kind bekam, das nun in einer Pflegefamilie lebt. Kaum war sie 18, schmiss ihr Vater sie raus. „Außer einem Rucksack mit ein paar Klamotten konnte ich nichts mitnehmen“, erzählt sie. Anfangs rettete sie „Couchhopping“ bei Freundinnen, bevor sie nach einigen Wochen auf der Straße landete.

Das Leben im Verborgenen, fehlende Beziehungen und mangelnde Zukunftsoptionen drängen die jungen Leute in eine Notlage, der sie ohne Hilfe kaum entkommen können. „Neben dem Mangel an günstigen Mietwohnungen sind die Gründe dafür, dass junge Menschen kein Dach über dem Kopf haben, vielfältig“, sagt Häfner-Kairo. Etliche von ihnen haben Heimerfahrung wie Tobias, müssen das Heim mit Erreichen der Volljährigkeit aber verlassen, wenn seitens der Jugendämter „kein pädagogischer Bedarf“ mehr gesehen wird. Andere möchten aus eigener Entscheidung nicht mehr in einem Heim leben. „Ob diese jungen Menschen, die häufig nicht in ein familiäres, stützendes Umfeld eingebunden sind, tatsächlich in der Lage sind, eigenständig zu leben, sich selbst um Ausbildung, Ernährung oder eben ein Dach über dem Kopf kümmern zu können, wird von den Ämtern nicht geklärt“, sagt die Leiterin der Wohnungslosenhilfe.

Um Menschen wie Tobias und Stefanie besser und vor allem frühzeitig helfen zu können, plädiert die Wohnungslosenhilfe seit langem für die Einrichtung von Fachberatungsstellen, wie sie in vielen anderen Bundesländern bereits etabliert sind. „Die Fachberatungsstellen sollten die zentralen Steuerungsstellen vor Ort sein, die federführend verschiedene Hilfen, auf die ein Rechtsanspruch besteht, miteinander verzahnen“, fordert Häfner-Kairo auch für Rheinland-Pfalz. Die Beratung, die die Wohnungslosenhilfe der Stiftung kreuznacher diakonie in Bad Kreuznach stundenweise anbietet, erhält trotz der eklatanten Bedeutung für die präventive Arbeit keine Regelfinanzierung, sondern ist auf Spenden angewiesen. Dabei zahlt sich jeder Euro für eine frühzeitige Intervention auf lange Sicht aus: „Je eher wir den jungen Menschen den Weg zurück in die Strukturen der Gesellschaft ebnen, umso größer ist die Chance auf eine Existenzsicherung aus eigener Kraft“, erklärt die Sozialpädagogin.

Tobias H. und Stefanie S. sind seit Mai einen Schritt weiter. Die beiden wohnen nun in einer Wohngruppe mit insgesamt sechs Menschen. Ihr Kind, das im Mai auf die Welt kam, lebt in einer Pflegefamilie. Das Paar erhält Hilfe nach dem SGB II, bekannt als Hartz IV. Das Essensgeld und ein Taschengeld bekommen sie ausgezahlt, der Rest geht für Wohnung und Betreuung an die Wohnungslosehilfe. Was muss nun passieren, dass junge Menschen, die lange außerhalb fester gesellschaftlicher Strukturen gelebt haben, wieder Fuß fassen können? „Zunächst erstellen wir einen sogenannten Hilfeplan“, erläutert Mehtap Zengince-Pauli vom Sozialdienst der Wohnungslosenhilfe. Der Jahresplan führt die angestrebten Ziele auf, zu denen sich die Betroffenen verpflichten. Die Sozialarbeiterin unterstützt die beiden zum Beispiel bei Kontakten mit Behörden oder bei Anträgen. „Herr H. und Frau S. waren jahrelang ohne Krankenversicherung“, sagt sie, „hier haben wir erstmal die ärztliche Versorgung sichergestellt.“ Unverzichtbar ist zudem die Kooperation mit dem Jobcenter. Für die jungen Erwachsenen bedeutet das im ersten Schritt, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit zu beherzigen. „Auf der Straße hat man keine Tagesstruktur“, sagt Tobias. Was für die meisten selbstverständlich ist, gilt nicht, wenn man jahrelang in den Tag hineingelebt hat.

Das Zelt hat Tobias hinter sich gelassen, aber der junge Vater befindet sich noch auf einem steinigen Pfad. Seine leiblichen Eltern sind mittlerweile gestorben, ohne dass er sie treffen konnte, der Kontakt zu seinen Geschwistern ist abgebrochen. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so ein Scherbenhaufen ist“, sagt er und hofft, dass die nächsten Schritte ihn und Stefanie auf stabilere Wege führen.