Pädagogische Pflegefamilien gut beraten von Fachberatungsstelle

„Gretel! Fang!“ Die Dackelhündin steht nach einer gefühlten halben Sekunde schwanzwedelnd mit Frisbee-Scheibe vor Frauchen. Katze Tine döst derweil auf der Terrasse und hinter dem Haus genießen die Hühner und der Schwarzwälder Kaltblut Rasmus ein paar Sonnenstrahlen, bevor die Kinder am frühen Nachmittag aus der Schule zurückkehren. Der „Eulenhof“ der Familie Kuhn/Schreck am Dorfrand kann es mit jedem Bullerbü-Idyll aufnehmen und bietet ein wunderbares Zuhause für klein und groß, für Mensch und Tier. Genau das schwebte Judith Schreck (47) und Torsten Kuhn (49) vor, als sie sich vor sieben Jahren dazu entschlossen, Pflegekinder aufzunehmen – unterstützt von der „Fachberatung Hilfe in Familien“ der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe der Stiftung kreuznacher diakonie.

„Unser großes Haus, die tolle Lage und unsere privilegierte Situation mit zwei Einkommen – wir hatten einfach das Gefühl, da geht noch was!“ erinnert sich Judith. 2014 entdeckte sie Ausschreibungen für Sozialpädagogische Pflegestellen, also Pflegefamilien für Kinder mit besonderen Bedarfen. Die damals 40-jährige, frisch verheiratete studierte Ergotherapeutin fühlte sich sofort angesprochen und brauchte nicht viel Überzeugungskraft, um Ehemann Torsten zu motivieren, der mit zwei Jungs aus erster Ehe bereits Erziehungserfahrung mitbrachte. Lieber einem Pflegekind Eltern, Geschwister und ein Zuhause geben als mit einem Baby ganz von vorn anzufangen – die Entscheidung fiel schnell und wurde umgehend auf den Weg gebracht.

Nachdem sich auch die beiden großen Brüder Max und Sebastian, damals zehn und elf Jahre alt, auf ein Pflegegeschwisterchen freuten, wurde die Familie zunächst auf Herz und Nieren geprüft. Ansprechpartner dafür war die Fachberatung „Hilfen in Familien“. „Anfangs mussten wir uns klar machen, wer überhaupt zu uns passt: Wir sind viel

unterwegs, es gibt die verschiedensten Tiere und drumherum die Landwirtschaft.“ Ein Baby sollte es nicht sein und wegen der fehlenden Barrierefreiheit kam auch ein Rollifahrer nicht in Frage. Bald waren sie sich einig, dass ein Mädchen im Kindergarten- oder Grundschulalter harmonieren würde. Mit diesen Maßgaben empfahl die Fachberatungsstelle schon bald nicht nur ein Mädchen, sondern ein Zwillingspärchen. Das Jugendamt hatte die beiden Sechsjährigen – Max und Nele – schon mehrfach aus der Herkunftsfamilie geholt und bei einer Bereitschaftspflegemutter vorübergehend untergebracht. Nach dem Motto „Zwei kriegen wir auch noch groß“ entschied das Paar, sich auf das Abenteuer einzulassen.

„In der Regel dauert die Anbahnungsphase, in der sich Kinder und Pflegeeltern schrittweise kennen lernen und besuchen, rund drei Monate“, erklärt Kornelia Spiegel, Leiterin der Beratungsstelle. Bei Nele und Max musste es sehr schnell gehen. Ihrer Bereitschaftspflegemutter stand ein Krankenhausaufenthalt bevor. Anstelle einer weiteren Pflegemutter übernahmen Judith und Torsten die Verantwortung, sodass die Zwillinge schon nach 14 Tagen im „Eulenhof“ einzogen. Judith, die Vollzeit arbeitete, ging direkt in Elternzeit und auch Torsten konnte sich sechs Wochen Familienzeit einräumen. „Die intensiven, gemeinsamen Wochen haben uns sehr geholfen zusammenzuwachsen“, erinnern sie sich.

Vergangenheit der Zwillinge begleitet im Alltag

Die starke Basis und ein tragender Zusammenhalt auch mit den eigenen Eltern, Schwiegermutter und der dörflichen Gemeinschaft erwiesen sich in den Anforderungen der nächsten Jahre als hilfreich. „Mit Nele und Max ist es nochmal anders, eine ganz neue Herausforderung“, berichtet Torsten. „Es ist nicht wie andere Kinder großzuziehen.“ „Die Zwillinge sind geprägt durch ihre Herkunft und die Erfahrungen, die sie als Kleinst- und Kleinkinder gemacht haben“, erklärt Kornelia Spiegel. Viel Struktur, eine absolute Verlässlichkeit und stets einen konsequenten Rahmen einhalten – das müssen Pflegeeltern mitbringen, so ihre Erfahrung. „Gleichzeitig geht es nicht ohne eine dauerhaft liebevolle Zuwendung,“ sagt Pflegemama Judith Schreck. „Die enormen emotionalen Schwankungen muss man aushalten und ihnen mit einer professionellen Haltung begegnen.“

Auf dem „Eulenhof“ haben die beiden fast Dreizehnjährigen eine feste und verantwortungsvolle Aufgabe. Sie füttern und versorgen die Hühner Anna, Berta, Brigitte, Elfriede, Elsa und „141“ selbstständig und verkaufen ihre Eier an Freunde und Nachbarn. Selbst Judith und Torsten müssen sich als ihre Kunden einreihen. Grundsätzlich sind die Zwillinge glücklich, in ihrer neuen Familie und auf dem „Eulenhof“ angekommen zu sein. „Mama, ich bin so froh, dass du mich genommen hast“, hört Judith dann häufig. Auf der anderen Seite kann wenig später ein gewaltiger Wutausbruch folgen und das Kind weiß nicht, wo es sich lassen soll. „Hier draußen kann ich sie ruhig mal auf die Terrasse schicken zum Brüllen“, sagt die Pflegemama. „Dann bin ich froh, dass wir nicht in der Stadt wohnen.“

„Für die Kinder ist es wichtig, weiterhin Kontakt zur ihrer Herkunftsfamilie und damit zu ihren Wurzeln zu halten“, erklärt Fachberaterin Spiegel. Neben Besuchen bei der Verwandtschaft kann zum Beispiel die Biografie-Arbeit mit Bildern aus der Vergangenheit unterstützen: „Die Kinder können dann Parallelen entdecken und beide Umgebungen würdigen.“

Fachberatungsstelle unterstützt in Krisensituationen

Trotz der nahezu perfekten Rahmenbedingungen – „Bei uns ist alles therapeutisch, vom Pferd, über die Wohnsituation bis zu Vereinen, Kirche und Feuerwehr im Dorf“ – brauchen auch die Pflegeeltern gelegentlich zusätzliche Unterstützung und die Kinder besondere therapeutische Begleitung. Die Pädagoginnen der Fachberatung „Hilfen in Familien“ halten kontinuierlich Kontakt zu den Familien durch Hausbesuche oder gemeinsame Aktivitäten. In besonderen Situationen unterstützen sie engmaschig: „In Krisenfällen beraten wir die Eltern und koordinieren, wenn weitere fachliche Unterstützung notwendig ist“, sagt Leiterin Kornelia Spiegel.

„Manchmal kommt man an seine Grenzen“, berichtet Judith Schreck, „dann muss ich mir Freiraum verschaffen und für Ausgleich sorgen.“ Gerne verbringt sie dann Zeit mit Rasmus auf der Koppel. Trotz aller Anstrengungen und gelegentlicher Rückschläge, für Torsten und Judith überwiegen die positiven Faktoren. Die Kinder groß werden zu sehen, die Dankbarkeit, Liebe und Anerkennung der Kinder und die Wertschätzung der Umgebung – all das wiegt den persönlichen Einsatz auf. Die beiden sind sich einig: „Leben in der Bude – das haben wir ja gewollt!“

Sozialpädagogische Pflegefamilien gesucht

Die Kinder-, Jugend- und Familienhilfe der Stiftung kreuznacher diakonie (KJF) bietet für Interessent*innen und für bestehende Pflegefamilien Beratung und regelmäßigen Austausch an. Die Berater*innen sind eine zusätzliche Ressource für die Familien, geben Tipps, beantworten Fragen und zeigen nützliche Methoden auf. Sie dienen durchgehend als Schnittstelle für die Kommunikation mit Jugendamt und Herkunftsfamilie.

Zurzeit werden 26 Kinder in 21 Familien begleitet. Die KJF ist immer auf der Suche nach interessierten Pflegeeltern bzw. Pflegepersonen. Ganz besonders sind derzeit sozialpädagogische Pflegefamilien gesucht (mindestens ein Elternteil hat durch seine Ausbildung einen fachlichen/pädagogischen Hintergrund), die bereit sind, ältere Kinder und Jugendliche aufzunehmen, um sie auf dem Weg in die Selbständigkeit zu begleiten. Auch in diesem Alter ist das Familiensetting immer mehr gefragt.

Selbstverständlich sind auch Familien, die Säuglinge, Klein- oder Grundschulkinder aufnehmen, gesucht. Die Nachfrage zur gemeinsamen Unterbringung von Geschwisterkindern ist groß. Pflege- und Sozialpädagogische Pflegeeltern erhalten eine Aufwandsentschädigung für die Unterbringung und Betreuung der Kinder.

Kontakt: Fachberatung Hilfen in Familien, Kornelia Spiegel, Tel. 06785/9779-0,

E-Mail: kjf-nwb@kreuznacherdiakonie.de

Weitere Infos zur Fachberatung und wie man Pflegefamilie wird.