Jugendscout in Corona-Zeiten: Dicke Bretter bohren im Lockdown

Jugendscout Bernd Glaeser der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Stiftung kreuznacher diakonie

Jugendscout in Corona-Zeiten: Bernd Glaeser unterwegs in Idar-Oberstein

IDAR-OBERSTEIN „Je besser der Schulabschluss, umso mehr Chancen bietet das im Leben“ – da ist sich Kristina P. (Name geändert) inzwischen sicher. Aber so war es nicht immer: Am Ende ihrer Realschulzeit vor vier Jahren sah es so aus, als würde sie den Abschluss nicht packen. Gestört hat sie das damals nicht: „Hauptsache, die Schule ist zu Ende.“ Kristinas Mutter ergriff dann die Initiative, nachdem sie das Angebot des Jugendscouts der Stiftung kreuznacher diakonie entdeckt hatte.

„Am Anfang war Kristina eine meiner typischen Klientinnen: Den Sinn in einem Schulabschluss hat sie nicht gesehen, wusste nicht wohin und wollte chillen“, erinnert sich Bernd Glaeser. Der studierte Sozialarbeiter war gerade als Jugendscout in Idar-Oberstein eingestiegen und hatte sich auf die Fahnen geschrieben, junge Leute zu motivieren, den Schulabschluss zu schaffen, eine Ausbildung zu beginnen oder einen Arbeitsplatz mit langfristiger Perspektive zu finden. Für viele, die seine Beratung aufsuchen, kein einfaches Unterfangen, zum Beispiel für Jugendliche mit einem Abschluss einer Förderschule oder für junge Erwachsene, deren Abschluss der Berufsreife – früher der Hauptschulabschluss – schon lange zurück liegt.

Seit Frühjahr 2020 hat sich für den 50-Jährigen vieles geändert und sein beruflicher Einsatz ist dem Erreichen eines Schul- oder Ausbildungsabschlusses seiner Klient*innen weit vorgelagert. „Derzeit bin ich mehr zum Motivationscoach, Rückenstärker und Alltagsbewältiger geworden“, berichtet er. Das Jobcenter, wo er bis zum vergangenen Frühjahr ein Büro nutzen konnte, ist geschlossen, entsprechend bleiben Klientenanfragen über diesen Weg aus. Inzwischen vermittelt das Amtsgericht vermehrt junge Menschen oder es kommen Jugendliche auf Glaeser zu, die über Mundpropaganda vom Jugendcoach gehört haben. Gespräche mit den jungen Leuten führt er derzeit draußen bei Spaziergängen oder auch – mit Maske – in seinem Auto. Beratungen Richtung Ausbildungs- oder Praktikumsplatz fruchten derzeit nicht. Coronabedingt stellen die Unternehmen nur wenige Auszubildende ein und Praktikumsplätze sind weitgehend gestrichen. Jugendliche mit besonderen Bedarfen bleiben dann oftmals außen vor. „Häufig begleite ich junge Menschen in lebenspraktischen Dingen, die eigentlich Eltern machen sollten“, berichtet Glaeser. Es kommt immer wieder vor, dass Eltern ihre Kinder bei Konflikten rauswerfen und sich nicht weiter um deren Angelegenheiten kümmern. In der nun schon über ein Jahr dauernden Corona-Pandemie liegen oftmals die Nerven blank – bei Jung und Alt. „Die Leute sind häufig aufbrausend und haben eine recht kurze Zündschnur“, erzählt der Pädagoge. „Meistens kann ich die jungen Leute gut verstehen, wenn sie von ihren Eltern alleingelassen und nicht unterstützt werden – das ist nicht schön.“ Der Jugendscout konzentriert seine Energie derzeit darauf, die Situation zu stabilisieren, eine Wohnung zu finden, Umzug, Renovierung und Möblierung zu organisieren und depressive Verstimmungen aufzufangen. „Momentan muss man richtig dicke Bretter bohren. Ich bin Mädchen für alles – von der Begleitung beim Arztbesuch bis zum Behördengang. In dieser belastenden Situation ist es besonders wichtig, da zu sein.“

Kristina P. indes befindet sich auf der Zielgeraden. Im Mai wird sie den Abschluss Sozialassistenz und den schulischen Teil der Fachhochschulreife in der Tasche haben. Und sie weiß, wie es weitergeht: Im September beginnt sie die Ausbildung zur Erzieherin. Für sie kam das Coaching von Glaeser gegen Ende der Schulzeit gerade richtig. „Mit Hilfe vom Jugendscout habe ich mich weiterentwickelt und sehe Dinge inzwischen anders“, sagt die 20-Jährige. „Früher fand ich die Schule anstrengend und es ging immer auf und ab. Mit der Unterstützung vom Jugendscout und der regelmäßigen Motivation habe ich meinen Weg gefunden, mache jetzt mein Ding und weiß, wo ich hinwill.“ Glückwunsch – auch Bernd Glaeser ist mächtig stolz.

Das Projekt wird durch das Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie aus arbeitsmarktpolitischen Mitteln des Landes Rheinland-Pfalz und aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds gefördert.