Systemische Inhouseweiterbildung | „Es bringt einfach was!“

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Systemische Inhouseweiterbildung in der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Haus Zoar


Am 22. und 23.08.2018 haben fünfzehn pädagogische Fachkräfte erfolgreich Zertifikatsprüfungen der Inhouseweiterbildung „Systemisches Arbeiten in der Kinder- und Jugendhilfe“ abgelegt. Die Schulung wurde bereits zum dritten Mal durch die St. Elisabeth Innovative Sozialarbeit (GISA) gGmbH durchgeführt. Mit dieser konsequenten Mitarbeiterqualifizierung verstärkt das Haus Zoar die konzeptionelle Ausrichtung „systemisch-orientiert“ pädagogisch zu arbeiten.

Um 09:00 Uhr versammelte sich die Gruppe pädagogischer Fachkräfte im Gemeindehaus in Rechtenbach für ihre Prüfungstage. Über vier Module mit insgesamt acht Tagen wurden die Grundlagen des systemischen Ansatzes gelehrt und fortlaufend in Praxisbeispielen beübt. Die philosophische Strömung des Konstruktivismus, das Konzept des guten Grundes, die sogenannte „Haltung des Nicht-Wissens“, Veränderungsprozesse in Familien, Selbstreflexion der Fachkräfte sowie  Methoden und Herangehensweisen an sozialpädagogische Diagnostik als dialogisches Fallverstehen waren Hauptthemen der jeweils zweitägigen Module. Zusätzlich arbeiteten die Gruppen- und Bereichsleitungen an zusätzlich drei Terminen an ihrer Führungsrolle und ihren  Kompetenzen systemisch-orientiert Mitarbeitende anzuleiten.

Das letzte Modul widmete sich dann den Transferprojekten der Fachkräfte. Als Voraussetzung für die Erteilung des Zertifikats musste ein methodischer oder konzeptioneller Ansatz aus der Weiterbildung in konkrete Praxisanforderungen oder -situationen übertragen und ausgewertet werden. Im Seminar präsentierten die Fachkräfte in maximal fünfzehn Minuten die fokussierten wesentlichen Erkenntnisse. Im Anschluss gab es neugierige Fragen und konstruktive Rückmeldungen aus der Gruppe der Teilnehmenden mit anschließendem Feedback durch die Seminarleitung.

Teilnehmerstimmen

Einblick in einige Transferprojekte systemischer Begleitung im Haus Zoar
Die reittherapeutischen Angebote wurden reflektiert vor dem Hintergrund, wie systemische Handlungsansätze ergänzend integriert werden können. Aufgrund des bereits vorhandenen Ansatzes, dass jeder Mensch Kräfte zur Selbstheilung und zur Selbstentwicklung in sich trägt, verfeinert die systemisch-orientierte Begleitung diesen Ansatz in Zukunft noch durch bewussteres neugieriges Zuhören und einem gestärkten respektvollen Umgang. Mit möglichst wenig Anweisungen, jedoch mit vielen begleitenden systemischen Fragen werden Kinder in der Reittherapie unterstützt, eigene Lösungswege zu finden. Skalierungsfragen, Unterschiedsfragen, hypothetische sowie zirkuläre Fragen werden gezielt eingesetzt um Kindern ihre eigene Zeit einzuräumen, die sie benötigen um eigene Antworten zu finden.

Ein junger Mensch mit Fluchterfahrung ist sich unsicher, ob er sein Leben bereits ohne Jugendhilfe eigenständig meistern kann. Der Betreuer erarbeitete mit ihm einen „Das kann ich schon - Zeitstrahl“. Der Jugendliche reflektierte, was er seit seiner Flucht erlebt hat, was er bereits gelernt hat und überraschte seinen Betreuer mit Erkenntnissen und eigenen Prioritäten, die in dieser Form nicht bekannt waren. So ist beispielsweise für den Jugendlichen vor allem das erfolgreiche Telefonieren und Terminabsprachen in deutscher Sprache eine zentrale Kompetenz, die ihn zuversichtlich macht, bereits viel gelernt zu haben. 
Für die Vorbereitung auf Hilfeplangespräche und für die Erziehungsplanung nutzt die Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Haus Zoar einen Selbsteinschätzungsbogen für die Kinder und Jugendlichen. Eine Seminarteilnehmerin überarbeitete den Bogen und präsentierte einen neuen Vorschlag, der systemisch orientiert und dialogisch ist. Die bildliche Darstellung orientiert sich nicht mehr am Erwachsenen, sondern an dem Maßstab der persönlichen Nützlichkeit für die Kinder und Jugendlichen.

In einem anderen Fall nahm eine Mitarbeiterin ambivalente Gefühle einer Jugendlichen zum Anlass, das sogenannte innere Team nach Friedemann Schulz von Thun anzuwenden. Die Jugendliche wurde sich ihrer inneren Anteile bewusst und konnte reflektieren, was die Gründe sind, warum ihr die Entscheidung derzeit so schwer fällt. Da die Fragen der Kinder und Jugendlichen häufig die Herkunftsfamilie betreffen, treten oft Gefühle innerer Zerrissenheit auf und ebenso oft werden unbewusste Anteile verdrängt. Die Kinder und Jugendlichen erleben  jedoch einen Reifeprozess durch begleitende systemische Betrachtung dieser inneren „Teammitglieder“ und erreichen mehr Selbstakzeptanz.

„Das kann ich schon“ - Zeitstrahl
Für die Beendingung einer Hilfemaßnahme hin zur selbstständigen Lebensführung erarbeiteten zwei weitere Mitarbeitende eine Netzwerkkarte als dialogisches Fallverstehen mit dem jungen Erwachsenen und übten sich in einer systemischen Interviewhaltung, die keine Ergebnisse vorgibt, sondern dem jungen Menschen die Deutungshoheit über sein Netzwerk aus Menschen zuschreibt und damit die Selbstwirksamkeitsüberzeugung stärkt.

Durch eine Skulpturarbeit mit einem als verfahren und starr erlebten Familiensystem konnte erreicht werden, dass Eltern einen neuen Blick auf die Situation ihrer Tochter gewannen und neue systemische Gesprächsansätze und Hypothesen für die weitere Familienhilfe geplant werden konnten.

Mit einer selbst weiterentwickelten Methode der „Familienuhr“ erarbeitete ein Mitarbeiter Hilfsmittel um Familien durch verschiedene Entwicklungsphasen zu begleiten, ohne dabei in eine Vorwurfshaltung fallen zu müssen, die Familien in Krisen teilweise etablieren. Die Methode überlässt den Familienmitgliedern die Definition über ihre Wahrnehmung der Phasen (Orientierung, Konfliktphase, Organisation, Integration) und lässt jeder Einzelperson in der Familie die Autonomie, sich selbst in eine Phase einzuordnen. Mit systemischer Fragehaltung begleitet der Mitarbeitende die Familienmitglieder zu eigenen Lösungsvorschlägen zur Bewältigung der gemeinsamen Aufgabe, die nie ein allgemeines richtig oder falsch fordert, sondern die gemeinsame Lösungssuche fokussiert.

Kinderstimmen

Fazit
Die Seminarteilnehmenden haben den Ansatz der systemischen Begleitung in der Kinder- und Jugendhilfe erfolgreich in die Praxis transferiert. Die Projekte und Abschlusspräsentationen zeigten der ganzen Gruppe hautnah, wie junge Menschen und Familien von der Professionalisierung der Fachkräfte profitieren. Für die weitere Entwicklung im Haus Zoar würden die Mitarbeitenden gerne in Arbeitsgruppen die Themen Selbsteinschätzung der Kinder- und Jugendlichen im Rahmen der Hilfe- und Erziehungsplanung und die Materialien zur Praktikantenanleitung systemisch-orientiert weiter überarbeiten. Für ihre fachliche Tätigkeit wünschen sie sich weitere Impulse durch Methodenworkshops und fachliche Begleitung durch ihre Leitungskräfte.

Für die Seminarleitung der Weiterbildung war diese Durchführung ein ganz besonderes Projekt, da sie noch vor Ende des letzten Moduls in der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Haus Zoar die Stelle als Bereichsleitung und stellvertretende pädagogische Leitung übernommen hat und sich daher besonders freut, die weitere Entwicklung aus dieser Perspektive begleiten zu können.

Marie Haberland