Menschen mit Behinderung in Zeiten von Corona: Kein Besuch, kein Stadtbummel und die Eisdiele geschlossen

Zwei Frauen im Gespräch

Seelsorgegespräche finden derzeit auch draußen statt

„Hoffentlich macht die Stadt bald wieder auf.“ Läden, Kiosk und Eisdielen bleiben zu und die Werkstätten der Stiftung kreuznacher diakonie an sieben Standorten sind geschlossen – verständlich, dass  Bewohnerinnen und Bewohner der Einrichtungen der Stiftung kreuznacher diakonie gelegentlich seufzen und auf baldige Besserung hoffen. Der Alltag der rund 930 Menschen mit Behinderung, die in Wohngemeinschaften und -gruppen zwischen Meisenheim, dem Hunsrück und Bad Kreuznach betreut werden, hat sich durch die strengen Regelungen im Zuge der Corona-Prävention schlagartig verändert. „Der Besuch von Eltern oder Geschwistern ist derzeit nicht möglich“, erklärt Katja Hofmann, Einrichtungsleiterin in Bad Kreuznach. Das zum Schutz vor Infektionen verhängte Besuchsverbot der besonders gefährdeten Menschen mit Behinderung, die häufig unter chronischen Erkrankungen leiden, trifft diese und ihre Angehörigen gleichermaßen. „Momentan müssen wir mit Telefonaten improvisieren“, sagt die Sozialbetriebswirtin. „Leider fehlen uns Tablets zum Skypen, was im Normalfall ja auch nicht notwendig ist.“

In den Wohngruppen, wo sich die betroffenen Menschen nun überwiegend aufhalten, verstärken derzeit die Kolleginnen und Kollegen der gleichfalls geschlossenen Tagesförderstätten das Stammpersonal. So kann die Situation gemeistert werden – bislang glücklicherweise ohne Corona-Infektionen.

Viele Menschen mit Behinderung begreifen nicht genau, warum ihr Alltag so aus den Fugen geraten ist, aber sie spüren, dass die Situation ernst ist. „Das größte Manko, sowohl für die Bewohner als auch für Mitarbeitende ist die Ungewissheit, wie lang die angespannte Situation andauert“, so Katja Hofmann.

Seelsorge in Zeiten von Corona

Als zuständige Pfarrerin für das Geschäftsfeld Leben mit Behinderung und stellvertretende Vorständin der Stiftung kreuznacher diakonie ist Sabine Richter derzeit viel unterwegs, um mit den Betroffenen und den Mitarbeitenden zu sprechen, zu trösten und Hoffnung zu machen. „Die Belastung wird als noch erträglich empfunden, weil es Verständnis für die Situation gibt“, so ihr Eindruck. Gravierend seien allerdings Phasen, in denen beispielsweise ein Bewohner eine Quarantäne einhalten muss oder wenn (Ehe)-Paare getrennt bleiben. So geht es gerade Carola Weinz, die im Haus Paulinum wohnt und die ihren Ehepartner über Wochen nicht sehen kann. „Mein Mann wohnt zwar nur ein paar Straßen weiter, aber ich darf ihn nicht besuchen, weil er sehr krank ist und zur Hochrisikogruppe gehört.“ Da bleibt nichts anderes übrig, als der Vernunft zu gehorchen und sich aufs Telefonieren zu beschränken. „Es ist beeindruckend, wie sich die Bewohnerinnen und Bewohner in Geduld und Rücksicht üben genauso wie sich Mitarbeitende auf die neue Situation – zum Beispiel an anderen Arbeitsplätzen – einlassen“, freut sich Sabine Richter.

Konflikte eher bei jungen Menschen

Auch auf der Asbacher Hütte, wo Menschen mit Behinderung normalerweise in der Goldschmiedewerkstatt Schmuck polieren oder beim Füttern und in der Aufzucht der Hühner und Gänse helfen, herrscht Stillstand. Wo ansonsten morgens in aller Frühe der Wecker klingelt und Eile geboten ist, kann der Tag etwas ruhiger beginnen. Auch hier sind die Wohngruppen ganztags besetzt und Kolleginnen und Kollegen aus dem Werkstattbereich unterstützen die Pflegekräfte.

„Die Bewohner sind zum Teil verunsichert“, berichtet Silke Nörling, eine der beiden Leiterinnen der Wohnangebote im Hunsrück. „Die gewohnte Struktur fehlt, womit insbesondere Autisten nur schwer umgehen können.“ Schwierig wird es beispielsweise bei denjenigen, die normalerweise alle zwei Wochen zu den Eltern nach Hause fahren. Das geht nun nicht mehr – die Anspannung wächst und damit die Konflikte. Besonders schwierig empfinden die Jüngeren die derzeitigen Einschränkungen, selbst wenn es auf dem Dorf eigentlich einfacher ist als in der Stadt. „Da gibt es andere Probleme“, erklärt Nörling. „Das W-Lan ist überlastet oder die jungen Leute möchten raus und dürfen sich aber nicht mit ihren Freunden treffen.“ So gibt es vereinzelt Bewohner, die auf den Straßen im Ort unterwegs sind und sich nicht an Abstandsregeln halten. „Die Anspannung wächst allmählich und manchmal fehlt es an Einsicht“, berichtet Nörling. „Aber einsperren können und möchten wir natürlich niemanden – das Recht auf Selbstbestimmung gilt für jeden.“